Die "Rotkäppchen"-Sammlung von Elisabeth und Richard Waldmann
Pierre Noury: Les Contes de Perrault, Ernest Flammarion, ParisIm Mittelpunkt des Sammelinteresses des Züricher Buchhändler-Ehepaares Elisabeth und Richard Waldmann stand das Thema „Rotkäppchen“. In über 30jähriger Sammeltätigkeit haben sie ein einzigartiges Ensemble zusammengetragen:

Die Sammlung umfaßt circa 800 Bücher, die vom Ende des 18. Jahrhunderts bis in die unmittelbare Gegenwart datieren, zahlreiche Gemälde und Graphiken, Originalzeichnungen bekannter Bilderbuchkünstler/innen sowie eine Vielzahl volkskundlicher Objekte.
Diese Objekte dokumentieren die Verwendung des Rotkäppchenmotivs in den Bereichen Spielzeug, Werbung und Gebrauchsartikel auf oftmals amüsante Weise.

Ab Anfang Februar 2002 ist diese ungewöhnliche Sammlung im Museum Burg Wissem den Besuchern zugänglich.

Rotkäppchen

Le petit chaperon rouge, Little Red Riding Hood oder Krasnaja schapotschka - kaum ein Märchen dürfte im europäischen Raum bekannter und beliebter sein.

Bevor die Geschichte durch Charles Perrault (1628-1703) im Jahre 1697 erstmalig aufgezeichnet wurde, fand sie in verschiedenen französischen Regionen mündliche Verbreitung.
Das Volksmärchen vom Rotkäppchen ist wohl eng mit dem Volksmythos vom Werwolf verknüpft und trägt deutlich anthropophagische (Anthropophagie = Menschenfresserei) Züge. Das Rotkäppchen tritt uns als junge Frau oder zumindest als pubertierendes Mädchen gegenüber und die Freßtat des Wolfes bleibt ungesühnt.

In der Fassung Perraults werden der anthropophagische Aspekt zwar getilgt, dafür der sexuelle Aspekt (Rotkäppchen = weibliche Unschuld, Wolf = agressive männliche Sexualität) und seine sozial-ethische Interpretation (brave Mädchen gehen nicht auf Abwege und kommen darum in der Gefahr nicht um) betont.

Im deutschen Sprachraum fand das Märchen zunächst durch Ludwig Tieck weitere Verbeitung, der die Figur des Jägers und durch ihn die Rettung von Großmutter und Rotkäppchen einführte.
Von herausragender Bedeutung für die Rezeption des Märchens ist natürlich der Text der Brüder Grimm, der das Bild vom Rotkäppchen stärker prägte als alle anderen Fassungen.

Tony Ross: Little Red Riding Hood, Andersen Press 1978Weitgehend parallel zur literarischen entwickelte sich die künstlerische Bearbeitung des Märchens.
Neben einer sogenannten Perrault-Linie mit Tabart, Crane, Hosemann, Bertall, Grandville und Doré entwickelte sich eine Grimm-Bechstein-Linie mit Richter, Sörensen, Gorey, Hechelmann und Zwerger. Eigenständige und bisweilen freie Auseinandersetzungen wagten u. a. Janosch, Ungerer und Wäscher.

Außerhalb der Märchenwelt wurde der Rotkäppchenstoff in der populären Kultur (Werbung, Film, Fernsehen etc.) heimisch; dazu kommen literarische, dramatische und musikalische Bearbeitungen. Wohl kein Märchen wurde so oft zum Gegenstand wissenschaftlicher Studien - insbesondere im Bereich der Psychologie und Psychoanalyse.

Für das Sammlerehepaar Elisabeth und Richard Waldmann aus Zürich war insbesondere die Prominenz des Rotkäppchen-Themas in der klassischen wie modernen Bilderbuchillustration ausschlaggebend für ihre Entscheidung, diese ebenso umfangreiche wie vielschichtige Sammlung von Büchern, Heften, Originalillustrationen, Bilderbogen, Spielzeugen und Konsumartikeln anzulegen.


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